Leseprobe
Prolog
„Stuart?“ Ihre
Stimme klang rau und atemlos. Sie wartete auf eine beruhigende Antwort,
erhielt
aber keine. Vielleicht schlief er schon so tief, dass er gar nicht
bemerkte,
was er tat. Sie versuchte, die Umklammerung etwas zu lockern, doch es
gelang
ihr nicht. „Stuart, wach auf!“ Was energisch klingen sollte, kam als
erbärmliches Krächzen heraus.
Mühsam regulierte
sie ihre viel zu schnelle Atmung und entspannte ihre Muskeln. Ihre
Beunruhigung
ließ nach, als sich die Umklammerung lockerte und sie wieder frei atmen
konnte.
Bisher hatte sie Stuarts Stärke immer als angenehm empfunden, doch nun
hatte
sie zum ersten Mal gemerkt, dass sie auch bedrohlich sein konnte. Sie
würde
später mit ihm darüber reden. Ihre Lider wurden schwerer. Später ...
Ein leises Zischen war
zu hören, einer der um sie gelegten Arme verschwand. Sie riss die Augen
auf,
sah aber nur die rot leuchtenden Ziffern ihres Weckers, der Rest des
Schlaf- zimmers lag im Dunkeln. 2:25 Uhr. Sie versuchte, sich
umzudrehen, worauf
sich Stuarts Arm noch fester um sie schlang und sie daran hinderte.
Also war
Stuart auch wach.
„Ich finde das
nicht mehr lustig, lass mich endlich los und sprich mit mir!“
Doch die einzige
Antwort war eine Hand, die nach der ihren griff und ihren Arm anhob.
Erregung
kämpfte mit Verärgerung um die Vorherrschaft. Bisher hatte sie Stuarts
fantasievolles Liebesspiel immer genossen, aber diesmal würde sie es
ihm nicht
so leicht machen. Ein scharfer Stich in ihrer Achselhöhle riss sie aus
ihren
Gedanken.
„Au, lass das
endlich! Bist du denn völlig verrückt geworden?“ Mit einer ruckartigen
Bewegung
befreite sie sich endgültig aus seiner Umarmung und rutschte Richtung
Bett- kante. Sie stand kein bisschen auf Schmerzen, das wusste er genau.
Schlagartig
erkannte sie, dass es nicht Stuart war, der mit ihr im Bett lag. Er
konnte es
nicht sein, denn sie hatten gestern Abend noch miteinander telefoniert.
Seine
Geschäfts- reise würde bis morgen dauern, und er … roch anders. Furcht
breitete
sich in ihr aus. Schwindelgefühl setzte ein und sie schaffte es kaum
noch, sich
aufrecht zu halten. Schwankend saß sie auf der Bettkante und versuchte,
aufzustehen, doch es gelang ihr nicht. Ihre Muskeln gehorchten ihr
nicht mehr,
dennoch beherrschte sie nur ein einziger Gedanke: Flucht! Eine letzte
Kraftanstrengung, aber ihre Beine versagten und sie kippte nach vorne.
Die
Ziffern des Weckers kamen näher, dann schlug ihr Kopf gegen die Kante
des
Nachttischs. Der danach einsetzende Schmerz war das letzte, was sie
wahrnahm,
bevor es dunkel um sie wurde.
Aber wenn es nicht
Stuart war, wer dann? Er hatte ihren Arm hochgehoben, und danach hatte
sie
einen seltsamen Stich in ihrer Achselhöhle gespürt. Drogen? Etwas
zupfte an
ihrem Bein, wanderte höher. Es war eindeutig jemand bei ihr, sie hatte
sich das
Ganze nicht eingebildet. Andererseits besaß niemand außer ihr und
Stuart einen
Schlüssel zum Haus. Aber während es vorhin noch vollkommen dunkel
gewesen war,
drang nun ein Lichtschimmer durch ihre halb geschlossenen Augenlider.
Tränen
traten ihr in die Augen. Was geschah nur mit ihr? Es war mitten in der
Nacht,
sie war gelähmt und irgendjemand berührte sie, machte mit ihr was er
wollte und
sie konnte nichts dagegen tun. Entsetzen schnürte ihr die Kehle zu.
Mit äußerster Kraftanstrengung
gelang es ihr,
den Kopf ein winziges Stück zur Seite zu drehen. Ihre Schreibtischlampe
stand
neben ihr auf dem Boden, sie konnte die Hitze des Lichtstrahls auf
ihrem Bauch
spüren. Wieder ein Ziehen und Gleiten, diesmal in Höhe ihres Magens.
Was war
das? Ein Luftzug strich über ihre Haut. Angst lähmte ihr Denken, ließ
ihr Herz
rasen. Ihr Blick irrte durch den schwach beleuchteten Raum. Wer auch
immer bei
ihr war, musste sie ins Wohnzimmer gebracht und auf den Holzfußboden
vor dem
Kamin gelegt haben. Oder hatte sie sich selber hierher geschleppt,
bevor sie
ohnmächtig geworden war? Unmöglich. Das Ziehen wanderte weiter nach
oben, jetzt
war es an ihren Brüsten.
Neben der Lampe lag
ein schwarzer Gegenstand, der wie ein Lederetui aussah. Etwas näherte
sich ihrem
Gesicht und drehte ihren Kopf, sodass sie direkt an die Decke starrte. Bitte, ich will etwas anderes sehen als
weißen Putz! Ich bin wach, hilft mir denn niemand! Doch ihre Stimme
hallte
nur in ihrem Kopf, ohne nach außen zu dringen. Der Lichtstrahl
wanderte, bis er
genau auf ihrem Gesicht lag. Sie versuchte, die Augen zu schließen,
doch auch
das gelang ihr nicht. Etwas berührte ihr Kinn, strich darüber, dann
über ihre
Wangen, die Lippen, die Nase, Augen und Stirn. Zuletzt umkreiste es
ihre Ohren
und verschwand.
Sie hörte ein
leises Knacken, so als hätte jemand einen Druckknopf geöffnet. Kurz
darauf
verschwand das Licht und wurde wieder durch einen schwachen Schimmer
ersetzt.
Gott sei dank, ihre Augen brannten bereits. Erneut fühlte sie einen
Druck an
ihrem Schenkel. Nicht noch einmal! Der Gedanke verflüchtigte sich, als
ein
scharfer Schmerz durch ihr Bein fuhr. Ein weiterer Schrei ertönte in
ihrem
Kopf. Die Innenseite ihres Oberschenkels brannte wie Feuer, aber sie
konnte
nichts dagegen tun. Ein Pressen an ihrem anderen Schenkel, dann wieder
der
Schmerz. Großer Gott, was tat er da? Der Schmerz wanderte nach oben,
auf ihre
Hüfte zu. Nein! Aufhören! Sie musste
ihn aufhalten, konnte sich aber nicht bewegen, so sehr sie es auch
versuchte.
Tränen rannen über ihre Schläfen und verloren sich in ihren Haaren.
Eine Hand
in einem Latexhandschuh erschien vor ihren Augen und bedeckte sie. Ihre
Lider
schlossen sich und sie blieb in der Dunkelheit zurück. Aber sie hatte
das Blut
am Handschuh gesehen und Panik raste durch ihren Körper, dicht gefolgt
von
alles überwältigendem Schmerz.
Kapitel 1
Los Angeles, September
2006
Zögernd streckte Lincoln Silver seine Hand
nach dem Klingelknopf aus, ließ sie dann aber wieder sinken. Noch
einmal
betrachtete er das matt glänzende Messingschild, auf dem in
geschwungenen
Buchstaben A.J. Terrence – Fotostudio
stand. Sowohl das Schild als auch die Schrift waren schlicht und
stilvoll, trotzdem
konnte er sich nicht überwinden, das Gebäude zu betreten. Das Studio
befand
sich in einem alten Gebäude, das seine besten Tage schon längst hinter
sich
hatte, aber dennoch nicht herunter- gekommen wirkte. Er hatte es
ausgewählt, weil
es weit genug von seinem gemieteten Haus entfernt lag, um ihn die ganze
leidige
Angelegenheit rasch vergessen zu lassen, sobald er sie erledigt haben
würde. Er
hatte in seinem Leben schon viele unangenehme Sachen hinter sich
bringen müssen
und sich noch nie vor ihnen gedrückt, doch diesmal tat er es. Den
Wutanfall
seiner Freundin Stacy, den sein Ausweich- manöver unwillkürlich nach
sich ziehen
würde, sah er zwar schon jetzt voraus, aber er würde ihn genauso
überstehen,
wie die anderen zuvor. Sein schlechtes Gewissen meldete sich, als ihm
bewusst
wurde, dass er froh darüber war, ihre Beziehung durch seinen Umzug von
Chicago
nach Los Angeles auf Eis gelegt zu haben. Natürlich wäre es fairer und
ehrlicher gegenüber Stacy gewesen, sich gleich von ihr zu trennen,
nachdem er gemerkt
hatte, dass seine Gefühle für sie längst nicht so stark waren, wie ihre
für
ihn. Aber das war ein weiteres Thema, über das er jetzt lieber nicht
nachdenken
wollte.
Silver fuhr
zusammen, als die Tür neben ihm aufschwang und ein älterer Herr
herauskam, der beinahe
in ihn hineinlief.
„Oh, Verzeihung.“
Der Mann lächelte und hielt die Tür für ihn auf. „Ich nehme an, Sie
wollen
rein?“
„Nun ich …“
Der Mann nahm das anscheinend
als Zustimmung, denn er klopfte Silver auf die Schulter und ging erst
weiter,
als Silver in den Hausflur getreten war. Kühle umfing ihn und der
Verkehrslärm
verstummte, als sich die Tür mit einem leisen Klicken hinter ihm
schloss. Am
liebsten hätte er das Gebäude sofort wieder verlassen, machte
stattdessen
jedoch einen weiteren Schritt in das nur schwach beleuchtete
Treppenhaus. Ein
Deckenventilator drehte sich behäbig und der angenehme Luftzug ließ ihn
kurz innehalten.
In Ordnung, der Laden wirkte zumindest nicht so schäbig, wie er sich so
ein
Studio immer vorgestellt hatte. Er könnte sich also erst einmal alles
anschauen
und sich dann immer noch entscheiden, ob er bleiben oder gehen wollte.
Silver
ging lautlos die Treppe hinauf und betrachtete dabei die an der Wand
ausgestellten Fotografien. Es waren Porträts von lachenden Kindern,
verliebten
Paaren, perfekt ausgeleuchtete Aufnahmen von älteren Menschen. Immer
individuell, kein einziger schneller, liebloser Schnappschuss. A.J.
Terrence
hatte eindeutig Talent, soviel konnte selbst er als Laie erkennen.
Weiter oben an der
Wand hingen gerahmte Akte, außer Sichtweite von Kindern. Silver blieb
vor einem
Foto stehen und betrachtete es eingehend. Es war ein wunderschöner
Frauenkörper, sanft beleuchtet, mit tiefen Schatten, die mehr verbargen
als
enthüllten. Erotisch, geschmackvoll und nur einen Hauch voyeuristisch.
Sein
Blick glitt zum nächsten Bild, diesmal war es ein Mann, ebenso nackt,
ebenso
sinnlich. Langsam stieg er die Treppe weiter hinauf, während er die
einzelnen
Aufnahmen studierte. Er war so sehr in seiner Betrachtung gefangen,
dass er die
Person auf dem obersten Treppenabsatz erst bemerkte, als ein Gegenstand
mit
lautem Krachen auf ihn zugeflogen kam. Instinktiv sprang er zur Seite,
rutschte
aus und landete mit seiner Hüfte schmerzhaft auf einer Treppenstufe.
„Oh mein Gott,
haben Sie sich verletzt?“ Eine Frau tauchte neben ihm auf und fasste
ihn sanft
am Arm. „Können Sie sich bewegen?“
„Es geht mir gut.“
„Wirklich?“ Besorgt
beugte sie sich über ihn. Eine dunkle Haarsträhne rutschte aus ihrem
Zopf und
strich über seine Wange. Ungeduldig klemmte sie sie hinter ihr Ohr
zurück. „Es
tut mir Leid, ich habe Sie nicht kommen gehört und mich deshalb
erschreckt, als
Sie so plötzlich auf der Treppe standen.“
„Was war denn das
für ein Geschoss?“ Silver setzte sich langsam auf und verzog dabei das
Gesicht,
als ihm der Schmerz in die Hüfte fuhr.
„Ich bringe gerade
ein paar alte Sachen in den Keller. Klappstühle, ein Stativ, und
weitere
Gegenstände. Sind Sie sicher, dass Sie nicht doch etwas abbekommen
haben?“
„Nein, an mir ist
zwar irgendetwas vorbei geflogen, aber da war ich schon abgetaucht.“
Ein leichtes
Lächeln zeigte ihre Grübchen. „Sie sahen sehr elegant dabei aus.“
Silver grinste. „Das
kann ich mir vorstellen.“ Während er sich an der Wand abstützte, nahm
die Frau
seinen Arm und half ihm, sich vollends aufzurichten. Sie ließ ihn erst
los, als
er wieder sicher auf seinen Beinen stand.
„Irgendetwas
verletzt?“
Silver testete die
Beweglichkeit seiner Arme und Beine, drückte den Rücken durch und
schüttelte
den Kopf. „Alles in Ordnung.“
„Das beruhigt
mich.“ Sie bückte sich und begann, ihre Sachen wieder aufzuheben, die
über die
ganze Treppe hinweg verstreut waren.
„Warten Sie, ich
helfe Ihnen.“
Erneut zeigten sich
ihre Grübchen. „Danke, das ist nicht nötig. Gehen Sie ruhig schon nach
oben,
ich schaffe das auch allein.“
Silver blickte ihr
hinterher. Viel lieber würde er sich weiter mit ihr unterhalten, als
die Treppe
hinauf zu gehen und dort Stacys Wunsch nachzukommen. Kopfschüttelnd
setzte er
sich in Bewegung, und erkannte erleichtert, dass er sich nicht verletzt
hatte.
Das wäre bei seinem Vorgesetzten sicher nicht gut angekommen,
schließlich hatte
er seine neue Arbeit erst vor wenigen Wochen angetreten. Oben mündete
das enge
Treppenhaus in ein großes Studio, das fast die gesamte Breite des
Gebäudes
einnahm. Zwei Türen gingen von ihm ab, und Silver konnte durch den
Türspalt der
einen, die leicht geöffnet war, erkennen, dass es sich um eine winzige
Küche
handelte. Im anderen Raum würde sich vermutlich das Bad befinden. Die
großen
Fenster waren von schwarzen Vorhängen eingefasst, mit denen man je nach
Bedarf
das Sonnenlicht einlassen oder ausschließen konnte. Edles Parkett
bedeckte den
Boden, in einer Ecke des Raumes stand ein Computertisch, in einer
anderen waren
sämtliche Utensilien aufgebaut, die in einem Fotostudio gebraucht
wurden.
Interessiert betrachtete Silver die teuer aussehende Kamera, die auf
ein Stativ
gesetzt war.
„Nicht anfassen!“
Silver wirbelte zu
der Frau herum, die nun wieder nach oben gekommen und ohne dass er es
bemerkt
hatte, hinter ihn getreten war. Entweder war sie extrem leise oder er
sollte
den Beruf wechseln. „Das hatte ich nicht vor.“ Er beobachtete sie
interessiert,
während sie über die Kamera strich und die Ausrüstung kontrollierte.
„Arbeiten
Sie für A.J. Terrence?“
Kleine Lachfältchen
tauchten rund um ihre Augenwinkel auf. „So kann man es auch sagen.“ Sie
streckte ihm die Hand entgegen. „Ich bin A.J. Terrence.“
Silver hatte Mühe,
seine Überraschung zu verbergen. „Ich dachte …“ Er brach ab und strich
über
sein Kinn. „Ich hatte mit einem Mann gerechnet.“
„Tut mir Leid,
damit kann ich nicht dienen.“ Sie lachte. „Aber ich versichere Ihnen,
dass ich
mindestens ebenso gut fotografieren kann.“
„Das habe ich
draußen bereits gesehen, aber darum geht es nicht.“
Sie zog eine
Augenbraue hoch. „Sondern?“
Silver schwieg
verlegen. Er konnte es selbst nicht erklären, aber er hatte im
Telefonbuch extra
nach einem Fotostudio gesucht, dessen Inhabername nach einem Mann
geklungen
hatte. „Wofür steht A.J.?“
„Das verrate ich
nur ungern.“ Sie verzog den Mund. „Aber um Ihnen zu versichern, dass
ich
wirklich eine Frau bin, vertraue ich Ihnen mein tiefstes Geheimnis an:
Anabelle
Jane.“ Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, als sie sein Grinsen sah.
„Das ist
nicht witzig!“
Silver bemühte
sich, seine Belustigung zu verbergen. „Tut mir Leid. Ich hatte nie
einen
Zweifel daran, dass Sie eine Frau sind. Und genau das ist mein Problem,
ich
glaube, ich würde mich bei dieser Art von Aufnahmen bei einem Mann
wohler
fühlen.“ Er machte eine kleine Pause. „Sofern das überhaupt möglich
ist.“
Sie musterte ihn
von oben bis unten. „Es geht um Aktaufnahmen?“
Silver schwieg. Er
sah bestimmt so aus, als ob er am liebsten jeden Moment flüchten würde
und
wurde in seiner Annahme bestätigt, als sie ihm in den Weg trat.
„Haben Sie die
Fotogalerie gesehen und haben Ihnen die Bilder gefallen?“
Silver räusperte
sich. „Ja, sehr sogar. Es liegt auch nicht daran, dass ich glauben
würde, Sie
wären nicht gut.“ Er ging zum Fenster und blickte hinaus. „Ich möchte
mich nur
nicht so fotografieren lassen.“
„Warum sind Sie
dann hier?“
„Ich habe in L.A.
einen neuen Job angenommen und meine Freundin musste in Chicago
bleiben. Sie
ist der Meinung, dass ich ihr, wenn ich schon nicht mehr da bin,
zumindest ein
… nun, sagen wir ein etwas freizügigeres Foto von mir schicken kann.“
A.J. schwieg einen
Moment, dann nickte sie. „Ich verstehe, warum ihre Freundin das gerne
möchte.
Aber ich arbeite grundsätzlich nur mit Modellen, die aus eigenem
Antrieb heraus
zu mir kommen, besonders bei Akten. Wenn Sie also nicht fotografiert
werden
wollen, dann gehen Sie am besten gleich wieder.“
Silver sah, dass
sie es ernst meinte und das gefiel ihm. Was war schon dabei, ein paar
Fotos von
sich machen zu lassen? Wenn er es nicht jetzt und hier täte, würde er
es auch
nirgendwo anders mehr tun, soviel war klar. „Vielleicht können wir
einfach
anfangen und sehen wie es läuft?“
„In Ordnung. Ich
werde die Tür unten offen lassen, so dass Sie jederzeit gehen können,
sollte es
Ihnen zu viel werden.“
Silver blickte
forschend in ihr ernstes Gesicht.
A.J. sah ihn
zunächst erstaunt an, dann begann sie zu lachen. „Tut mir Leid, aber
ich kann
Sie wirklich sehr gut verstehen. Was glauben Sie wohl, warum ich immer
hinter
der Kamera stehe? Ich wäre ein ganz schlechtes Modell.“
„Das glaube ich
nicht. Was passiert jetzt?“
A.J. betrachtete
seine Kleidung. „Das Hemd ist gut, damit können wir etwas anfangen.
Ziehen Sie
einfach das T-Shirt darunter aus.“ Sie sah wie er sich versteifte.
„Oder wir
fangen mit ganz normalen Fotos an und steigern uns dann langsam – ganz
wie Sie möchten.“
„Einverstanden.“
„Machen Sie es sich
schon mal gemütlich, während ich meine Ausrüstung vorbereite.“ Sie
deutete auf
einen flauschigen runden Teppich, etwa drei Meter von der Kamera
entfernt.
Zögernd ließ sich Silver
im Schneidersitz darauf nieder.
„Wie heißen Sie?
Ich spreche meine Kunden lieber mit Namen an, dann reagieren sie im
Allgemeinen
besser auf meine Anweisungen.“
„Anweisungen?“
Silver entspannte sich etwas. „Silver.“
„Ist das Ihr Vor-
oder Nachname?“
Silver verzog den
Mund. „Wir scheinen beide ein Problem mit unseren Vornamen zu haben.“
Mit einem Ruck zog
A.J. die Vorhänge zu. „Warum? Heißen Sie etwa auch Anabelle?“
Silver lachte.
„Nein, Lincoln.“
„Gut, in diesem
Fall verstehe ich, dass Sie sich Silver nennen. Es klingt geheimnisvoll
– und
es passt zu Ihnen.“
„Danke, A.J.“
„Das ist nur mein
Geschäftsname, normalerweise werde ich Ana genannt. Das ist zwar auch
nicht
wirklich prickelnd, aber immerhin eine akzeptable Alternative.“
„Mir gefällt Ana.“
Lächelnd beugte sie
sich zu ihm herunter. „Danke. Wollen wir anfangen?“ Sie deutete sein
Schweigen
als Zustimmung. „Winkeln Sie ein Knie an, ziehen Sie es leicht an sich
heran
und legen Sie dann beide Arme locker darum. Ja, genau so. Rücken
gerade, Kinn
nach oben. Gut, so bleiben, ich sehe mir das durch die Kamera an.“
Sie richtete den
Scheinwerfer aus, drehte den Reflexions- schirm, um für mehr indirekte
Beleuchtung zu sorgen und blickte durch den Sucher. Silver sah noch
immer so
aus, als würde er am Liebsten flüchten. Es wäre besser, sofort
anzufangen,
bevor er es sich anders überlegte. Es juckte in ihren Fingern, ihn auf
Film
beziehungsweise einen Speicherchip zu bannen. Sie mochte all ihre
Modelle, egal
ob jung oder alt, schön oder weniger gutaussehend, doch besonders
hatten es ihr
interessante Menschen angetan. Ana stellte die richtige Belichtung und
Schärfe
ein und drückte dann auf den Auslöser.
„Sie müssen sich etwas
mehr entspannen, wenn die Bilder halbwegs gut werden sollen. Denken Sie
an
etwas Schönes.“ Sie griff hinter sich und schaltete den CD-Spieler an.
Sie
liebte es, mit leiser Ethno-Musik im Hintergrund zu arbeiten. Dumpf
dröhnten
Trommeln durch das Studio, eine einsame Flöte begann ihr Klagelied.
„Besser
so?“
„Ja.“
„In Ordnung. Sie
müssen nicht lächeln, das würde nur verkrampft aussehen. Versuchen Sie
einfach,
sich vorzu- stellen, dass die Kamera gar nicht vorhanden ist und wir
alleine sind.“
Silver grinste sie an, seine Augen glitzerten. Perfekt. Sie drückte auf
den
Auslöser.
„Wir sind allein.“
Sie sah auf und
strich sich ihre widerspenstige Haarsträhne erneut aus dem Gesicht.
„Ich sprach
von der Kamera.“
Während sie sich
unterhielten, schoss Ana weitere Fotos. Schließlich hielt sie den
richtigen
Zeitpunkt für gekommen, denn Silver wirkte so entspannt auf sie, wie er
in
dieser Umgebung wohl nur sein konnte. „Wie wäre es, wenn wir es jetzt
nur mit
dem Hemd versuchen?“
Sein Lächeln wich
einem Gesichtsausdruck, den sie nicht zu deuten vermochte. „Okay.“
„Gut.“ Sie deutete
auf den Paravent, der in einer Ecke des Raumes aufgestellt war. „Sie
können
sich dahinter umziehen, wenn Sie wollen.“
„Das ist nicht
nötig.“ Er öffnete sein Hemd, schob es von den Schultern und zog sich
danach
das T-Shirt über den Kopf. Ana bemühte sich,
so zu wirken, als würde sie sich mit ihrer Kamera beschäftigen, während
sie ihn
beobachtete. Kein Gramm überflüssiges Fett befand sich an Silvers
kraftvollem
Oberkörper, er war vollkommen. Sie gierte danach, ihn hüllenlos vor die
Kamera
zu bekommen, aber sie wusste, dass sie langsam vorgehen musste, um ihn
nicht zu
verschrecken.
Er schlüpfte wieder
in das Hemd und blickte sie unschlüssig an. „Und jetzt?“
„Lassen Sie es
offen, das ist perfekt so.“ Sie gab ihm Anweisungen, wie er sich
hinsetzen
sollte und machte einige Aufnahmen. „Gut, sehr schön. Schieben Sie
jetzt den Kragen
auf der linken Seite etwas weiter nach außen. Ja, genau so. Stopp, das
reicht.
Ich denke, die Fotos werden Ihrer Freundin gut gefallen.“ Sie beugte
sich
wieder über die Kamera, passte Licht und Schärfe an und drückte den
Auslöser. „Mehr?“
Atemlos wartete sie auf seine Antwort.